Rauschen, Stimmen und Musik:
 
Als das Radio auch Ostfriesland eroberte


Rundfunk in Nordwestdeutschland - Aus der Pionierzeit im Äther

Mit freundlicher Genehmigung von Johann Haddinga




Beginn der Rundfunkgeschichte
2:18 Min.


  Emder Radioladen, in den 20er Jahren
Foto: B. Munderloh

 
Als  der erste deutsche Rundfunksender  am 29. Oktober  im Berliner Vox Haus seinen Betrieb aufnahm   und damit eine neue Ära im Äther einleitete, horchte man zwar auch  in Ostfriesland auf, aber einigermassen hörbar wurde das Radio hierzulande  erst einige Zeit später. Nach einem erfolgreichen Auftakt in der Hauptstadt entstanden auch in anderen Teilen der Republik sogenannte Sendegesellschaften, darunter in Frankfurt/Main, Königsberg, Breslau und in Hamburg. In der  Hansestadt an der Elbe  gründeten der Getreidehändler  Friedrich  Blonck und eine Gruppe von weiteren Kaufleuten Ende Januar 1924  die Nordische  - Rundfunk - Aktiengesellschaft, die legendäre Norag,  die dann am 2. Mai mit zunächst vier, gegen Jahresende zehn Stunden  Programm täglich auf Sendung ging.


Foto: Quelle unbekannt *

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Die Hamburger Gründung  in dieser  Form war kein Einzelfall: auch alle anderen deutschen Rundfunksender   entstanden   um diese Zeit zunächst als privatrechtliche Aktiengesellschaften. Allerdings:   Schon weit im Vorfeld hatte sich der Staat die alleinige   Berechtigung  zur  Errichtung und zum Betrieb von Telegraphen und Funkanlagen gesichert. Bereits 1919 hatte die Reichsregierung   eine Verfügung erlassen, die  das Postministerium   und damit   die Reichspost zur Zentralbehörde für das gesamte Funkwesen erklärte. Als die regional tätigen Sendegesellschaften   schon 1925  in der Dachorganisation "Reichsrundfunkgesellschaft" (RRG) vereint  wurden, behielt auch hier die Post ihre dominierende Stellung mit einer Kapitalbeteiligung  von 51 Prozent. Vorsitzender war der Radio-Pionier Staatssektetär Hans Bredow. Entscheidenden Einfluss  - in diesem Falle auf den Inhalt von Sendungen  - sicherte sich parallel  dazu das Reichsinnenministerium mit der Gründung  der Aktiengesellschaft  "Drahtloser Dienst", abgekürzt Dradag. Die Dradag  hatte das Monopol  für alle Nachrichtensendungen und andere Formen der  politischen  Berichterstattung. Sie war die einzige Stelle, von der die Sender ihre Nachrichten  beziehen konnten. Die Dradag war sogar befugt, die Verbreitung  bestimmter Nachrichten anzuordnen. Man sprach von "Auflagenachrichten", die  ungekürzt  gesendet werden mussten. Als Kontrollinstrumente gab es sogenannte Überwachungsausschüsse  und Kulturbeiräte


Foto: Quelle unbekannt *

So konnte es schliesslich geschehen, dass die Nationalsozialisten   im  Rundfunkwesen   leichtes Spiel hatten, als sie am 30. Januar  1933 an die Macht kamen. Im  Frühsommer erklärten sie die Reichsrundfunkgesellschaft   vollends  zum Eigentum des Staates und unterstellten sie direkt dem Propagandaministerium    mit Joseph Goebbels an der Spitze. Die regionalen Sendegesellschaften mussten    sich auflösen. Aus der Norag, die im November 1932 in eine Norddeutsche Rundfunk GmbH umgewandelt worden war, wurde der Reichssender Hamburg. Mit dem Start der Hamburger Norag im Mai 1924 eroberte das Radio  nach  und  nach Nordwestdeutschland, obwohl in Grenzbereichen, unter anderem in  Ostfriesland,  auch der Sender Münster  des Westdeutschen Rundfunks  Werag  (später  Köln/Langenberg)  zu empfangen war.
     
Wie Chronisten berichten, soll die Eröffnungswoche der Norag  lediglich von rund 1000 (registrierten) Hörern verfolgt worden   sein. Doch schon  ein halbes Jahr später kletterte die Zahl auf 70000 bei einer monatlichen Gebühr von zwei Reichsmark. Hinzu  kam eine nicht bekannte Zahl von  Schwarzhören.  Schon hier zeigte sich dass der Siegeszug des Radios  nicht aufzuhalten war. 1928 registrierte man im gesamten Deutschen  Reich rund 2,3 Millionen zahlende Teilnehmer. Das Gebhühreneinzugsgebiet des Hamburger Senders umfasste zunächst die Bereiche der Oberpostdirektionen Hamburg, Bremen, Kiel sowie Schweriner und Braunschweiger Gebiete. 1928 kamen  die OPD Bezirke Oldenburg, ganz Schwerin und Braunschweig hinzu. Im Oldenburger Bereich (mit Ostfriesland)  hatten die Hörer zuvor  ihre Gebühren über die Post an die Kölner Werag abführen  müssen.

Die Phantasie der heutigen, vor allem jüngeren Hörern reicht kaum aus, sich die Pionierphase des Radios vor fast acht Jahrzehnten überhaupt  vorzustellen. Wegen der anfänglich geringen Leistung des Hamburger Senders  war der Empfang in entfernt liegenden Gebieten zunächst denkbar schlecht  und teils extrem störanfällig - ein akustisches, jedoch von Anfang  an faszinierendes Tongemisch aus Rauschen, Stimmen und Musik. Das änderte  sich, als am 20. November 1924 in Bremen ein (vorerst ebenfalls schwacher) Nebensender der Norag seinen Betrieb aufnahm und somit weitere Teile des Weser Ems Gebietes besser versorgt werden konnten.



Foto: Funktechnische Ausstellung Hessenpark / K. Protze

Foto: Funktechnische Ausstellung Hessenpark / K. Protze

Aber auch auf der Hörerseite gab es noch  lange Zeit Schwierigkeiten. Zwar wurde in Berlin bereits 1924   eine  erste  Funkausstellung veranstaltet, auf der die Industrie die  bis  dahin   entwickelten  Empfangsgeräte präsentierte. Die  im Laufe  der   Zeit produzierten  ersten Röhrengeräte mit Lautsprechern  waren  wohl qualitativ  hochwertig, aber für den "Normalverbraucher" nahezu unerschwinglich.  So  waren  die meisten Hörer in der  Pionierära auf  Detektorgeräte  mit Kopfhörern angewiesen. Erst gegen  Ende der zwanziger Jahre kehrte  sich das Verhältnis  allmählich   um, obwohl  um diese Zeit  die  Weltwirtschaftskrise  mit ihren verheerenden   Folgen eine Stagnation  verursachte

Einige Zahlen: 1924 kostete ein Radiogerät mit vier Röhren  zwischen  400 und 500 Mark, ein einfacher Detektorempfänger dagegen  "nur" 70 Mark.  Ein gelernter Arbeiter, verheiratet mit zwei Kindern, verdiente    durchschnittlich   88 Pfennig in der Stunde, ein kleiner Angestellter rund 160 Mark im Monat.  Ein Jahr später fielen die Preise. Ein Detektor    kostete zwischen 15  und 20 Mark, ein Empfänger mit einer Röhre   etwa 40, ein Gerät  mit vier Röhren ab 200 Mark. Dazu kam entweder noch ein Kopfhörer für 7  bis 14 Mark oder ein (damals noch extra anzuschaffender)  Lautsprecher zwischen 60 und 100 Reichsmark. Wer  sich über das Programm informieren wollte, hielt sich zusätzlich   eine Rundfunkzeitschrift. Die Hamburger Norag gab fast von Anfang an wöchentlich  eine eigene illustrierte  "Rundfunk-Zeitung" mit dem Angebot ihren Sendergruppe  heraus.
     
Die Detektor-Zeit war auch in Ostfriesland die Stunde der Bastler  und  Tüftler. Schon vor dem offiziellen Start des deutschen Rundfunks  entstanden   - zunächst  in den Großstädten, dann auch in  der Provinz  - schier unzählige  Bastler-Clubs. Sie alle wollten die  neuen Töne   hörbar machen. Man tauschte Schaltpläne und Einzelteile aus und  lieferte darüber hinaus der Industrie kommerziell verwertbare Informationen. Im April 1924 schlossen sich viele Gruppen radiobastelnder Arbeiter zum  Arbeiter-Radio-Club-Deutschland  (ARK) zusammen. 3000 Interessenten erklärten  in der Gründungsversammlumg  in Berlin ihren Beitritt. Die Ziele des ARK gingen über die Lust an der Bastelei hinaus: Er wollte nicht nur  das Verhältnis für die Radiotechnik fördern, sondern auch Einfluss auf die Gesetzgebung und auf die bestehenden Unternehmungen im Radiowesen  nehmen - vergeblich


Foto: Quelle unbekannt *

Foto: Quelle unbekannt *

Mitter der zwanziger Jahre konnte die Norag ein nahezu ganztägiges  Programm anbieten. Es brachte in den Morgen- und Vormittagsstunden unter anderem Nachrichten, Sportbeiträge, Beiträge für die Frau   und für die Landwirtschaft, den Wetterbericht und das Zeitzeichen. Mittags folgte die Norag-Funkbörse mit Nachrichten aus der Wirtschaft.  Nach  einer Sendepause gab es weitere Wortbeiträge, darunter den Kriminalfunk  mit Fahndungsmeldungen nach Straftätern, aber auch Musikprogramme und Funkwerbung, die schon bald nach Einführung des Radios ausgestrahlt  wurde. Am frühen Abend folgten Vortrags- und Unterhaltungsprogramme. Abends brachte die Norag ein zumeist hochwertiges Kulturangebot mit Originalübertragungen  von Opern, Operetten, Konzerten und Schauspielen. Operetten standen laut  Umfragen in der Hörergunst ganz oben, gefolgt von "Tagesneuigkeiten". Als Eigenproduktionen entstanden die ersten Hörspiele. Nach den 22 Uhr-Meldungen  erklang zum Tagesausklang leichte Unterhaltungs- und Tanzmusik, entweder aus den eigenen Senderäumen oder aus einem Cafe. Beliebt waren auch Musiksendungen von Schallplatten. In der Anfangsphase des Rundfunks war es üblich, dass die Sender  an  Sonntagvormittagen keinen Gottesdienst übertrugen, sondern zwischen  10 und 11 Uhr eine einstündige Pause einlegten, um den Hörern den Kirchgang zu ermöglichen.



NORA Baby Pk / Audion mit Rückkopplung (1926)
Foto: Helmut Schrammel

Da die Nebensender der Norag über eigene Frequenzen verfügten,  konnten sie auch bereits ab 1925 getrennt eigene Beiträge senden.  Der  Nebensender Bremen zum Beispiel führte schon sehr früh eigene Mittagskonzerte  ein, um (so wörtlich) "den in der Tretmühle ihres Berufes erblassten Menschen Strausswalzer und Kammermusiken, Belebung und   Sammlung" zu bieten.  Aus dem Stadttheater übertrugen die Bremer in jenem Jahr im Hauptabendprogramm Mozarts "Entführung aus dem Serail".   Bis zum Ende des Jahrzehnts nahm  die Zahl der Bremer Eigenbeiträge  immer mehr zu.

Wie der Rundfunk in den Anfangsjahren in Ostfriesland "ankam", ist   den   insgesamt  wenigen Notizen in den Heimatzeitungen kaum zu entnehmen. Eine Resonanz findet sich jedoch im jeweiligen Jahresrückblick ("Toornhahntje") des Ostfreesland-Kalenders  aus Norden. In der Rückblende auf das  Jahr   1924 jubelte der Chronist:  "Was für eine herrliche Erfindung  mit dem Rundfunk! So einen Radioapparat  wünscht Toornhahntje sich  auch. Dann   könnte er sich in seiner Einsamkeit an Konzerten aus Berlin  und London  erfreuen, ja, auch von den neusten Kochrezepten erführe  er auf diese Weise etwas, ganz zu schweigen von allem anderen Interssanten."   Und rückschauend   auf das Jahr 1925 schrieb der Chronist: "Vom Rundfunk redet man nicht mehr   soviel wie voriges Jahr. Der erste Ansturm scheint   vorüber zu sein.  wir können aber mit Sicherheit voraussagen, das  in wenigen Jahren, wenn  gewisse Schwierigkeiten erst überwunden sind,  Rundfunkeinrichtungen in Massen kommen werden. Ostfriesland würde damit  nur dem Beispiel folgen,  das die grösseren Städte jetzt schon geben.


Foto: Quelle unbekannt *

Foto: Quelle unbekannt *

Aus heutiger Sicht lässt sich daraus der Schluss ziehen, dass das Radio in seiner deutschen Anfangsphase in Ostfriesland durchaus ein Thema war - sonst wäre der Kalender Chronist nicht darauf eingegangen. Doch die technischen Voraussetzungen waren hier, wie in vielen anderen Regionen, noch unzureichend. Das lag vor allem an der Leistungstärke der Sender. Sehr wohl gab es aber auch in Ostfriesland schon sehr früh die zitierten Radio-Bastler, die im Äther auf "Jagd" gingen. Ende der zwanziger, Anfang der dreissiger Jahre besserten sich die Verhältnisse. Das Radio wurde nun auch hierzulande immer mehr zum unentbehrlichen Allgemeingut, und auch die Funkleute richteten sich darauf ein. Im Sommer 1932 beispielsweise gab es unter dem Titel "Die deutsche Küste" ein zweistündiges Hörbild, das sich vor allem an die Binnenländer richtete. Im Ostfreesland-Kalender hiess es: "Ostfriesland schnitt dabei am besten ab. Norden machte den Anfang mit dem Spiel der St. Ludgeri-Kirchenglocken, dem eine Improvisation auf der herrlichen Arp-Schnittger Orgel folgte. Die zu Herzen gehende plattdeutsche Predigt des Inselpastors Dr. Reimers (Spiekeroog) hat in manchem Landsmann in der Ferne die Sehnsucht nach der Heimat wach werden lassen. Auf Borkum und Norderney nahm man Schallplatten auf, und selbst auf dem Memmert stand das Mikrofon, um das Geschrei der Tausende dort nistenden Seevögel aufzufangen. Man hörte Otto Leegde, der Vater des Memmert, der in diesem Jahre seinen 70. Geburtstag feierte, und seinen Sohn und Enkel. Interessant war das, was man aus Emden hörte, vor allem das Stimmungsbild vom Emder Hafen. Es war auf jeden Fall etwas Besonderes und hat auf viele einen eigentümlichen Reiz ausgeübt, einmal die Heimat im Rundfunk zu hören.

In der Heim-und-Herd-Ausgabe vom 24. Dezember 1997 hat der Verfasser dieses Beitrags die weitere ostfriesische Rundfunkgeschichte zwischen 1933 und heute beschrieben: 1939 nahm in Osterloog bei Norden ein Grossrundfunksender seinen Betrieb auf,
(Siehe die Seite "Großsender Osterloog ") der das Programm des Reichssenders Hamburg und Propagandasendungen für das Ausland ausstrahlte. Nach Kriegsende sendeten von hier aus zunächst die britische BBC und später der Nordwestdeutsche beziehungsweise Norddeutsche Rundfunk. Seit Anfang der sechziger Jahre wird die Region über den Sender Aurich mit Radioprogrammen versorgt.

Quellen:
Ostfriesischer Kurier, Norden, verschiedene Jahrgänge
Ostfreesland-Kalender, Norden, verschiedene Jahrgänge
Der NDR, Schlütersche Verlagsanstalt, Hannover
Winfried B. Lerg: Rundfunkpolitik in der Weimarer Republik, dtv, München
Peter Dahl: Radio, Rowohlt, Hamburg
Der Rundfunkhörer, Programmzeitschrift, November 1931
Werag, Programmzeitschrift, März 1932
Interviews mit Zeitzeugen

Verantwortlich für den Inhalt: Joh. Haddinga
                              

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