Die Geschichte des Seefunks
             

Küstenfunkstelle Norddeich-Radio  -DAN-
                                  

von Gerd Krause

Mit freundlicher Genehmigung von Fritz Deiters (Rechteinhaber Norddeich-Radio)



Sendestelle in Norddeich bis 1969
       Foto: Privatarchiv Sender Osterloog / Norddeich-Radio / Scan: Gerd  Krause


Norddeich-Radio war die grösste deutsche und zugleich die älteste Küstenfunkstelle, an der ostfriesischen Nordseeküste, die Verbindung mit Schiffen auf allen Weltmeeren aufnehmen konnte. Die Anlage wurde im Jahre 1907 in Betrieb genommen, im Laufe der Jahrzehnte ständig erweitert und modernisiert, bis der Satellitenfunk den Kurzwellenbetrieb in den 80er Jahren ersetzte. Schrittweise wurde der Dienst eingestellt, das Personal abgebaut, bis dann schliesslich im Jahre 1998 nach 91 Jahren das endgültige Aus erfolgte.



Empfangsstelle in Utlandshörn
Luftbildaufnahmen (freigegeben):   Deutsche Bundespost
                 

Kaiser Wilhelm der II regte den Bau der Küstenfunkstelle  an, da es damals zwei konkurrierende Funksysteme gab. Das eine rund um den  Physiker Guglielmo Marconi, das andere wurde von der Firma Telefunken aus  Berlin entwickelt und betrieben. Durch die starke Konkurrenzsituation hatten  die Funker Befehl, keine Kommunikation mit dem jeweils anderen System durchzuführen.  Diese Version über die Entstehung von Norddeich-Radio ist umstritten.  Sicher ist aber anzunehmen, dass es auch in Deutschland eine eigenständige  Küstenfunkstelle geben sollte. Als Standort war zunächst die Insel  Borkum vorgesehen, wegen der besseren Bodenverhältnisse (Bodenleitfähigkeit)  wurde dann doch Norddeich, an der ostfriesischen Küste gewählt.  Mit einem Telefunken Knallfunkensender und einer Antenne, die an 4 Masten  von 65 m Höhe aufgehängt war ging die Anlage 1907 in Betrieb. Auf  der Frequenz 150 kHz konnten in der Anfangszeit schon Entfernungen über  1500 km überbrückt werden, was für damalige Verhältnisse  eine beachtliche Leistung war.

Auf der damals schon eingerichteten Seenotfrequenz 500 kHz war die Anlage  unter den Rufzeichen "KND" ständig empfangsbereit. An Bord deutscher  Schiffe gab es 1914 bereits 380 Funkstationen. Durch den folgenden ersten  Weltkrieg kam der zivile Funkverkehr fast völlig zum erliegen. Erst 1919 lief der Betrieb wieder langsam an. In den 20er Jahren wurde die Anlage erweitert, den Anfordernissen angepasst und es wurde Telefonie-Betrieb eingeführt.  Die neuen Röhrensender waren sehr leistungsstark, man konnte inzwischen  über 6000 km problemlos überbrücken. Durch die räumliche  Nähe der Sende u. Empfangsanlagen am Standort Norddeich, kam es unweigerlich  zu Empfangsstörungen, die der eigene Sender verursachte. Aus diesem Grund wurde die Empfangsanlage an den Stadtrand von Norden (Westgaste) verlegt und dann später 1931 in das etwas weiter entfente direkt am Deich gelegene  Utlandshörn ausgelagert.

Im zweiten Weltkrieg stand die Anlage unter militärischer Führung  und Schutz, da sie kriegswichtige Aufgaben zu erfüllen hatte. Gegen Ende des Krieges sollte die bisher unbeschädigte Anlage vom Betriebspersonal  gesprengt werden, wozu es aber zum Glück nicht kam. Die Besatzungsmächte  sorgten dafür, dass Norddeich-Radio schnellstmöglichst wieder in  Betrieb genommen werden konnte. In den 50er Jahren erfolgte ein weiterer Ausbau. Ein Kühlturm wurde errichtet und ein Grenzwellensender wurde in Betrieb genommen. Ebenfalls bekam die Anlage 2 neue Dieselgeneratoren. Auch in den 50ern wurde die bis Heute bekannte Heiligabendsendung "Gruss an Bord" ins Leben gerufen, die in zusammenarbeit mit dem NWDR (später NDR) über Norddeich-Radio abgewickelt wurde.

Im Jahre 1969 wurde die Sendestelle in Norddeich aufgegeben und im ca.  8 km entfernten Osterloog im Gebäude des ehemaligen Rundfunksenders neu errichtet. Ein grossen Gelände für die umfangreichen Antennenanlagen  war hier vorhanden. Somit war der Abstand zwischen Sende und Empfangstelle ausreichend und ein störungsfreier Betrieb möglich. Die neuen Sender wie auch die zu Norddeich-Radio gehörenden Anlagen in Cuxhaven  und Elmshorn konnten ferngesteuert werden.



Sendestelle in Osterloog (ehemaliger Rundfunksender) von 1969 - 1998
Luftbildaufnahmen (freigegeben): Deutsche Bundespost


Die  rasante Entwicklung auf dem Telegrafie-  und Telefoniesektor sorgte dafür, dass die Station bis in ihrer Glanzzeit  1981 immer auf dem neusten Stand der Technik war. 1981 wurde mit knapp 600.000  Telegrammen, Funkgespächen und Fernschreiben das höchste jemals  erreichte Verkehrsaufkommen registriert. Damals hatte Norddeich-Radio 260 Beschäftigte. Betrieben wurde Grenzwelle, UKW, Kurzwelle mit Telegrafie, Telefonie und Fernschreibübermittlung. Wettermeldungen und das überwachen  der Seenotfrequenz gehörten von Anfang an zum Standard.

           
Die neue Satellitentechnik, GPS etc. verdrängten den weltweiten Kurzwellendienst, es ging kontinuierlich bergab. bis auf zuletzt 80 Mitarbeiter wurde die Zahl der Beschäftigten abgebaut. Nach und nach wurden die Dienste abgeschaltet. Ende 1995 die Mittelwelle mit Telegrafie auf 500 kHz, im September 1996 Telegrafie auf Kurzwelle, 1997 Funkfernschreiben, Dezember 1977 Abschaltung der Sendestation in Osterloog und am 31. Dezember 1998 Schliessung von "Norddeich-Radio" ... Ende
     
Die Gebäude existieren allerdings noch. Die alte Sendestelle Norddeich nutzt ein Campingplatz als Betriebsgebäude und in der Empfangsstelle Utlandshörn befindet sich ein Callcenter. Nachdem das Sendergebäude in Osterloog etliche Jahre leergestanden hat, wurde es zu einer der Informationseinrichtungen des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer umgebaut und im Juni 2006 eröffnet. Die Einrichtung nennt sich „Waloseum", deren Aufgabe darin besteht, die Öffentlichkeit über die Bedeutung des Nationalparks und die Schutzbestimmungen zu informieren. Das Ziel ist es, Menschen durch geführte Naturerlebnisse das Wattenmeer näher zu bringen und sie für seine Schutzwürdigkeit zu sensibilisieren. Ein wichtiger Arbeitsschwerpunkt ist die Information über Meeressäuger im Wattenmeer.


Das Äussere der Gebäude blieb unverändert. Ein Gittermast  in Utlandshörn ist noch erhalten, auch sind noch einige Mastfundamente  zu finden, jedoch alles andere was an eine Großsendeanlage erinnert,  existiert nicht mehr.
Bericht: Gerd Krause




Die Sendestelle der ehemaligen Küstenfunkstelle "Rügen-Radio" in Lohme
Foto: Peter Becker


Mehr Infos, Fotos, Tondokumente, ein Video von Norddeich-Radio, sowie einen ausführlichen
Bericht von der ehem. Küstenfunkstelle Rügen-Radio finden Sie auf der Multimedia DVD-ROM






Erste Küstenfunkstelle der Welt: Borkum und Borkumriff
Die interessante Geschichte des Nachrichtenwesens an der Küste
Leseprobe aus dem Buch "Feuerschiff Borkumriff" von Gregeor Ulsamer
Fotos: Gregor Ulsamer

Der Norddeutsche Lloyd in Bremen ergriff die Initiative zur Einrichtung der ersten Seefunkstellen und Küstenfunkstellen für die Handelsschiffahrt.

Der Lloyd war bereits 1890 die viertgrößte Reederei und entwickelte sich nach 1900 zur größten Passagierschiffsreederei der Welt. 1901 beförderte er 350530 Reisende. Für deren Verpflegung sowie für die rund 10000 Mann Besatzung seiner Flotte hatte der Lloyd ein eigenes Proviantamt eingerichtet. 1909 betrieb er ein weltweites Verkehrsnetz von 41 Linien mit 494 Schiffen.

Für die zeitgerechte Steuerung der Versorgung und Abfertigung der Schiffe war es von größter Wichtigkeit, deren genaue Ankunftszeit frühzeitig zu erfahren. Schlepper, Hafenbetriebe und Eisenbahnen mußten koordiniert werden. Ein großer Überseeschnelldampfer brauchte allein fast eine Woche Liegezeit, um neue Kohle für die nächste Reise zu bunkern.

Zu wissen, wann die vom Atlantik kommenden  Schiffe  das Feuerschiff »Borkumriff« passierten, war  für  alle Reedereien sehr  wichtig! Borkumriff lag nahe genug an Weser und  Elbe, um unter Berücksichtigung der Schiffsgeschwindigkeit und der Tide die Ankunftszeit der Schiffe zuverlässig bestimmen   zu  können. Und es war weit genug vom  Bestimmungshafen entfernt,  um diese Aussage noch rechtzeitig genug treffen  zu können





In einem Schreiben vom 15. November 1899 an die Kgl. Regierung zu Aurich regte der Lloyd an, eine telegraphische Verbindung zwischen der Insel Borkum und dem Feuerschiff »Borkumriff« herzustellen, um an diesem nordwestlichsten Standort des Deutschen Reiches den vorbeifahrenden Schiffen Gelegenheit zu geben, Seetelegramme abzulassen.

Darüber hinaus ließ der Lloyd sein Flaggschiff, den Vierschornstein-Schnelldampfer »Kaiser Wilhelm der Große«, als erstes Handelsschiff der Welt überhaupt, mit einer Funkanlage für kommerzielle Zwecke ausrüsten.

Dieser Doppelschrauben-Schnelldampfer an der Küste auch als »Großer Kaiser« oder als »Dicker Wilhelm« bekannt war damals das größte Schiff der Welt und konnte 2358 Passagiere befördern. Allein der Betrieb seiner Maschinen erforderte 243 Feuerungsleute, Heizer, Stoker, Trimmer und Kohlenzieher!

Der Lloyd hatte es 1897 bauen lassen, um das »Blaue Band« des Nordatlantik von der Cunard-Line zu erobern.  Bereits  auf seiner  Jungfernfahrt im September 1897 brach es mit einer  Durchschnittsgeschwindigkeit von 23 Knoten die Geschwindigkeitsrekorde  auf dem Atlantik. Dieser Rekord sicherte dem Lloyd den Löwenanteil an Passagieren und am transatlantischen Postgeschäft.                           

Die Königlich Preußische Regierung nahm die Anregung des Lloyd auf. Sie stellte das Feuerschiff »Borkumriff« und den Kleinen Leuchtturm in Borkum einschließlich des Personals zur Verfügung, und Ende Dezember 1899 begaben sich die Vertreter des Lloyd, der Königlichen Regierung der Reichs- Post- und Telegraphenverwaltung sowie der Wireless Telegraph Company nach Borkum um dort die Einrichtung einer Station für drahtlose Telegraphie zu erörtern.

Der Lloyd übernahm vertraglich alle Kosten für die Lieferung und den Einbau der Funkanlagen des Marconi-Systems, die durch die Wireless Telegraph Co. aus England auf Mietbasis (4000 Mark pro Jahr) geliefert wurden und übernahm auch das Anfertigen eines 38 Meter hohen Signalmastes für Borkum sowie das Anbringen einer 10 Meter hohen»Stenge« an dem Mittelmast des Feuerschiffes.

Die durch Flaggensignale oder per Funk der Station Borkum von See her übermittelten Nachrichten sollten ohne Verzögerung d.h. auch außerhalb der Dienstzeit des Postamtes Borkum zum Telegraphenamt in Emden weitergeleitet werden können. Da die sichere Verständigung per Fernsprecher jedoch nicht gewährleistet werden konnte, sollte direkt zwischen dem Leuchtturm und Emden Morsebetrieb durchgeführt werden. Die Morseleitung »251 Emden Borkum« wurde deshalb zum Leuchtturm weitergeführt.

Zum Betrieb dieser Leitung und für die »Marconische Telegraphie« bildete der zum Postamt Borkum abgeordnete Ober-Telegraphenassistent M. Minolts den Maschinenmeister Horn und die Leuchtfeuerwärter Zander, Herrlein und Meeuw' im Februar 1900 im Telegraphieren aus. Die Ausbildung des Schiffsführers Hollander, des Steuermannes Wippermann sowie drei weiterer Besatzungsmitglieder des Feuerschiffes wurde dem Ober-Telegraphenassistenten Richter übertragen. Dieser bemängelte bald die geringen Fortschritte, die durch die vierwöchige Wachablösung bedingt waren, da die Auszubildenden das Gelernte in ihrer Freizeit wieder vergaßen. Daneben klagte er über die schlechte Verpflegung an Bord und über das Ausbleiben der Ablösung.

Am 11. Februar 1900 begannen die Einrichtungsarbeiten die hinsichtlich der technischen Anlagen durch W. W. Bradfield ausgeführt wurden. Bradfield hatte als Elektroassistent des Signor Marconi an verschiedenen Experimenten, u. a. der Errichtung einer Funkstelle bei den Needles, Isle of Wight, teilgenommen und stieg später zum Generalmanager der Wireless Telegraph Co. auf.

Die Winterzeit war für den Aufbau der Anlagen wenig günstig. Das Feuerschiff rollte und stampfte heftig in der groben See, was vor allem das Anbringen der Stenge deren Spitze mit etwa 40 Metern über dem Wasser immerhin die Höhe des Alten Borkumer Leuchtturmes erreichen sollte! am Großmast erheblich erschwerte.

Am 15. Februar 1900 waren alle Arbeiten an Bord des Feuerschiffes beendet, im Anschluß daran wurden der Signalmast in Borkum fertiggestellt und die Sende-Empfangsanlage im Raum auf der unteren Plattform des Leuchtturmes untergebracht.

Man erwartete in Borkum, bald mit dem Feuerschiff in Verbindung treten zu können, als die Nachricht eintraf, daß in der Nacht vom 15. zum 16. Februar 1900 die Stenge infolge einer heftigen Schneeboe gebrochen und über Bord geschleudert worden sei.




Bezugsquelle des Buches "Feuerschiff  Borkumriff" Gregor Ulsamer, Eigenverlag, Steinstr. 4, 26757 Borkum
E-Mail: dl1bfe@web.de


Foto: Gerd Krause


Das letzte "Feuerschiff Borkumriff" lag von 1956 bis 1988 ca. 30 km nordwestlich der Insel Borkum  in  einem  der Hauptschifffahrtswege der Deutschen Bucht vor Anker. Auf dieser Position diente das Leuchtfeuer der "Borkumriff" Schiffen aus aller Welt als Ansteuerungspunkt bei der Einfahrt in die  Ems. Mit der Ausserdienststellung am 15. Juli 1988 endete die Ära der deutschen Feuerschiffe. 1989 wurde das Schiff als Nationalparkschiff wieder  in Betrieb genommen. Die Borkumriff  liegt fahrbereit im  Borkumer Schutzhafen  und kann besichtigt  werden. 

Auf diesem Schiff entstand im Jahre 2007 der Film  "Das Feuerschiff" nach dem Roman von Siegfried Lenz

Satelliten beenden den traditionellen Funkdienst

  • 1976 wurde ein betriebsfähiges  Satellitensystem  für den Seefunk vorgestellt.
  • Seit 1979 arbeitet die INMARSAT (Internationale Maritime (später Mobile) Satellite Organization), in der fast alle Schiffahrtsnationen  Mitglieder sind.
  • Mit diesem System braucht man keinen Funker mehr, der Nachrichtenaustausch geht über Satellit zu allen möglichen  Datenempfangseinrichtungen wie Telefon, Telex, Modem, etc. ...         
  • Seit 1992 ist das Satelliten-Seenot-System GMDSS (Global Maritime Distress and Safety System) im Einsatz.
  • Der Schiffsoffizier kann per Knopfdruck einen Seenotfall melden. Die Funkerei mit SOS entfällt.                                       
  • Seit dem 1.1.1999 ist GMDSS für alle seegehenden Schiffe vorgeschrieben.                
  • In den 90er Jahre werden die Küstenfunkstellen, u.a. Kiel Radio, Norddeich Radio, Rügen Radio aufgelöst. 
  • Man braucht keine Vermittlungsstelle mehr, man braucht kein Morsealphabet, man braucht keinen Funker mehr !



Mehr zur Geschichte des See- u. Küstenfunks auf der Multimedia DVD-ROM
Aktuelle Version: 1.8.7  01/2017